20. Mai
Nur sie, die Kunst, sie hielt mich zurück. Geduld – so heißt es – sie muß ich nun zur Führerin wählen.
Heiligenstädter Testament
Hörmodus
Nur sie, die Kunst, sie hielt mich zurück. Geduld – so heißt es – sie muß ich nun zur Führerin wählen.
Wenn eine schwere Zeit lange dauert, hält dich manchmal etwas, das gar nicht tröstet. Eine halb fertige Arbeit vielleicht, die bisher nur in deinem Kopf existiert und die deshalb niemand außer dir zu Ende bringen kann. Sie macht dich nicht froher. Sie verlangt eher etwas von dir, und gerade das bindet.
Solcher Halt ist seltsam unpersönlich. Er fragt nicht, wie es dir geht. Er ist auch kein Grund, das Leben gut zu finden. Er ist nur ein Grund, es noch nicht abzuschließen.
Geduld gilt meist als Eigenschaft, die du hast oder nicht hast. Du kannst sie aber auch wählen, ausgerechnet dann, wenn sie dir fehlt. Dann ist sie kein ruhiges Gemüt, sondern eher ein Aufschub: Du verzichtest darauf, das Urteil über deine Lage zu fällen, solange du mitten in ihr steckst und sie am schlechtesten überblickst.
Versprechen kann sie dir dabei nichts. Am nächsten Morgen liegt die Arbeit noch da. Du schreibst eine Zeile weiter und weißt noch nicht, ob du sie gut finden wirst.