16. Mai
Du misst Kreise und berechnest Sterne — miss lieber die eigene Seele. Was hilft es, zu wissen, wie klein die Erde ist, wenn dir der eigene Geist unbekannt bleibt?
Briefe an Lucilius, 88. Brief (frei übertragen)
Hörmodus
Du misst Kreise und berechnest Sterne — miss lieber die eigene Seele. Was hilft es, zu wissen, wie klein die Erde ist, wenn dir der eigene Geist unbekannt bleibt?
Über dich selbst weißt du wahrscheinlich eine Menge. Du weißt, wie viele Stunden Schlaf du brauchst, welche Musik du nach einem langen Tag auflegst und dass du unter Zeitdruck schneller sprichst. Vieles davon könnte auch jemand anderes aufschreiben. Es sind Beobachtungen von außen, nur aus größter Nähe gemacht.
Schwieriger wird es bei einer kleinen Absage, über die du dich unverhältnismäßig ärgerst. Oder bei der Erleichterung, als ein Plan scheitert, den du doch wolltest. Hier hilft dir das gesammelte Wissen wenig. Die Reaktion ist eindeutig deine, und trotzdem hättest du sie nicht vorhergesagt.
Was du sonst vermisst, bleibt still liegen. Bei dir ist das anders: Sobald du eine Erklärung gefunden hast, richtest du dich schon ein wenig nach ihr, und ganz stimmt sie dann nicht mehr. Was du über dich herausfindest, verändert dich ein Stück weit.
Selbstkenntnis gleicht darum vielleicht eher der Bekanntschaft mit einem Menschen als einer Vermessung. Einen Freund kennst du nicht deshalb gut, weil er dich nie mehr überraschen kann. Eher daran, dass du ihn auch in der Überraschung noch wiedererkennst.