10. Mai
Die Sinne trügen, wie der Traum trügt: Im Traum hältst du alles für wahr und merkst den Irrtum erst beim Erwachen. Vielleicht ist auch dieses Wachen ein Schlaf, aus dem ein tieferes Erwachen dich einmal weckt.
Der Erretter aus dem Irrtum (frei übertragen)
Hörmodus
Die Sinne trügen, wie der Traum trügt: Im Traum hältst du alles für wahr und merkst den Irrtum erst beim Erwachen. Vielleicht ist auch dieses Wachen ein Schlaf, aus dem ein tieferes Erwachen dich einmal weckt.
Manchmal korrigierst du ein Urteil, das du jahrelang für selbstverständlich gehalten hast. Über einen Menschen etwa, der dir immer kühl vorkam, bis du erfährst, womit er in jener Zeit beschäftigt war. Die neue Sicht wirkt klarer. Seltsam ist nur, dass dir die alte nie unklar vorgekommen ist.
Gewissheit hat kein Kennzeichen. Ein zutreffendes und ein falsches Urteil können sich von innen gleich anfühlen: gleich ruhig, gleich fraglos. Den Unterschied bemerkst du erst von einem späteren Standpunkt aus, und auch dieser Standpunkt fühlt sich, solange du ihn einnimmst, nicht wie einer an.
Daraus folgt nicht, dass du allem misstrauen müsstest. Wer jedes Urteil in der Schwebe hält, kann kaum noch handeln, niemandem antworten und sich auf nichts verlassen. Du musst mit dem leben, was dir jetzt einleuchtet. Die Schwierigkeit liegt woanders: Gerade die Überzeugungen, die dir am wenigsten wie Überzeugungen erscheinen, prüfst du am seltensten.
Wenn du diesen Menschen heute triffst, siehst du jemanden, der damals mehr zu bewältigen hatte, als zu erkennen war. So jedenfalls stellt es sich dir jetzt dar, und zwar genauso deutlich wie früher die Kühle.