7. Mai
Der Geist des Weisen gleicht einem Spiegel: Er hält nichts fest und weist nichts ab, empfängt die Dinge, wie sie kommen, und behält keine Spur.
Das wahre Buch vom quellenden Urgrund (frei übertragen)
Hörmodus
Der Geist des Weisen gleicht einem Spiegel: Er hält nichts fest und weist nichts ab, empfängt die Dinge, wie sie kommen, und behält keine Spur.
Wenn du jemandem gegenüber ungerecht warst, wünschst du dir vielleicht, er würde dir am nächsten Tag ohne Vorbehalt begegnen. Kein vorsichtiger Ton, kein Abstand, der erst wieder schrumpfen muss. Dein schlechter Moment soll bei ihm keinen Abdruck hinterlassen haben.
Bei einem Satz, den du lange überlegt hast, oder bei einem Geschenk, das dir wichtig war, wünschst du dir das Gegenteil. Es soll bleiben. Jemand soll sich später daran erinnern und vielleicht etwas davon weitergeben.
Dieselbe Fähigkeit erscheint dir also einmal als Großzügigkeit und einmal als Gleichgültigkeit, je nachdem, was du selbst hineingegeben hast. Bei dir ist es kaum anders. Eine Kränkung nicht nachzutragen fällt dir möglicherweise leichter, seit du überhaupt manches weniger lange behältst. Ob das Gelassenheit ist oder eine Art Müdigkeit, lässt sich von innen schwer auseinanderhalten.
Vielleicht liegt der Unterschied weniger im Vergessen als im Augenblick davor: ob etwas ganz bei dir angekommen ist, bevor es vergeht.
Wer dir nach dem Streit unbefangen begegnet, wird auch dein Geschenk nicht anders aufbewahren. Gehört hat er dich womöglich trotzdem genau.