6. Mai

Das Heil des Lebens: jedes Ding ganz sehen, was es ist — und von ganzer Seele das Gerechte tun und die Wahrheit sagen. Was bleibt dann übrig, als das Leben zu genießen, indem man Gutes an Gutes reiht — so, dass auch nicht die kleinste Lücke dazwischen bleibt?

Marc Aurel Selbstbetrachtungen XII,29

Hörmodus

Das Heil des Lebens: jedes Ding ganz sehen, was es ist — und von ganzer Seele das Gerechte tun und die Wahrheit sagen. Was bleibt dann übrig, als das Leben zu genießen, indem man Gutes an Gutes reiht — so, dass auch nicht die kleinste Lücke dazwischen bleibt?

Marc Aurel

An vielen Tagen teilst du die Zeit in zwei Sorten: in die, die erledigt werden muss, und in die, die danach kommt. Zuerst noch die schwierige Mail, das unangenehme Gespräch, die Abrechnung, die du jemandem genau aufschlüsseln willst. Dann endlich der Abend.

Diese Aufteilung ist vernünftig, und manches lässt sich tatsächlich nur durchstehen. Sie hat aber eine Nebenwirkung. Was du sorgfältig und ehrlich tust, landet auf der Seite der Kosten. Das Leben, auf das du wartest, beginnt immer erst dahinter. Der Abend muss dann für den ganzen Tag entschädigen, und oft gelingt ihm das nicht.

Manchmal verschiebt sich etwas, ohne dass du es geplant hast. In dem schwierigen Gespräch sagst du einen Satz, der genau stimmt. Er ist weder schärfer noch beschönigt, und dein Gegenüber nickt langsam. Für einen Moment ist das nicht der Preis für etwas Späteres. Es gehört schon zu dem, worauf du gewartet hast.

Unangenehm bleibt das Gespräch trotzdem. Danach gehst du nach Hause, und heute muss der Abend etwas weniger leisten.

Anna Atkins, Dictyota atomaria, Cyanotypie
Dictyota atomaria · Anna Atkins, Cyanotypie, 1843–53 · aus Photographs of British Algae Mehr über Anna Atkins ›
Anna Atkins, Dictyota atomaria, Cyanotypie

Dictyota atomaria · Anna Atkins, Cyanotypie, 1843–53 · aus Photographs of British Algae