5. Mai
Die Tugend macht den, der sie hat, gut und sein Werk gut. Sie ist die erworbene Leichtigkeit, das Rechte zu tun — nicht mühsam gegen sich selbst, sondern beinah mit Freude.
Summa theologica (frei übertragen)
Hörmodus
Die Tugend macht den, der sie hat, gut und sein Werk gut. Sie ist die erworbene Leichtigkeit, das Rechte zu tun — nicht mühsam gegen sich selbst, sondern beinah mit Freude.
Solange dir etwas Gutes schwerfällt, kannst du es spüren. Du hältst eine scharfe Antwort zurück oder gibst etwas ab, das du lieber behalten hättest, und merkst dabei genau, was es dich kostet. Die Mühe wirkt wie ein Beleg: Hier hast du dich überwunden.
Wird dieselbe Handlung irgendwann leicht, verschwindet dieser Beleg. Du antwortest ruhig, weil dir die scharfe Antwort gar nicht erst einfällt. Von innen sieht das kaum noch nach Verdienst aus, eher nach Temperament oder Gewohnheit. Wann der Übergang geschehen ist, weißt du meist nicht.
Darin liegt eine merkwürdige Verschiebung. Die Anstrengung hatte dir etwas über dich erzählt, und es war eine schmeichelhafte Geschichte. Die Leichtigkeit erzählt nichts. Sie gibt dir dafür die Aufmerksamkeit zurück, die vorher in den Kampf mit dir selbst geflossen ist, und die richtet sich nun auf den Menschen dir gegenüber.
Vielleicht vermisst du die Geschichte manchmal. Wer neben dir sitzt, bemerkt von ihrem Fehlen nur, dass du zuhörst.