4. Mai
Bei allem, was dich erfreut, sage dir, was es ist. Ein Krug, den du liebst? Zerbricht er, wirst du nicht erschüttert sein. Küsst du dein Kind, deinen Bruder — sage dir: einen Menschen küsst du. Stirbt er, wirst du nicht zerbrechen.
Handbüchlein der Moral, 3
Hörmodus
Bei allem, was dich erfreut, sage dir, was es ist. Ein Krug, den du liebst? Zerbricht er, wirst du nicht erschüttert sein. Küsst du dein Kind, deinen Bruder — sage dir: einen Menschen küsst du. Stirbt er, wirst du nicht zerbrechen.
Manche Verluste kündigen sich lange an. Du hast Zeit, dich vorzubereiten, sprichst es aus, spielst es vielleicht sogar durch. Als es dann geschieht, gerät tatsächlich nichts ins Rutschen. Der Boden hält. Weh tut es trotzdem, auf eine Weise, die das Wissen nicht erreicht hat.
Hier hilft vielleicht eine Unterscheidung. Erschüttert wirst du dort, wo unbemerkt etwas zerbricht: die stille Annahme, dass etwas bleiben würde. Diese Annahme kannst du prüfen und ablegen, und das ist eine echte Erleichterung. Trauer beruht dagegen auf keinem Irrtum. Sie gilt dem, was war, nicht dem, was du falsch erwartet hast.
Verwechselst du beides, kann die Vorbereitung zu einem leisen Rückzug werden. Du gehst schon jetzt auf Abstand, um später weniger zu verlieren, und verlierst dabei etwas von der Zeit, die noch da ist.
Manchmal sagt jemand über etwas, das er gerade noch hat: „Das werde ich vermissen.“ Nach Abstand klingt das nicht, eher nach jemandem, der genauer hinsieht.