29. April
Alles, was du auf Umwegen erhoffst, kannst du dir jetzt schon geben — wenn du es dir nicht selbst versagst: das Vergangene ruhen lassen, das Künftige der Vorsehung anvertrauen und allein das Gegenwärtige nach Gerechtigkeit und Besonnenheit ausrichten.
Selbstbetrachtungen XII,1
Hörmodus
Alles, was du auf Umwegen erhoffst, kannst du dir jetzt schon geben — wenn du es dir nicht selbst versagst: das Vergangene ruhen lassen, das Künftige der Vorsehung anvertrauen und allein das Gegenwärtige nach Gerechtigkeit und Besonnenheit ausrichten.
Manches schiebst du nicht auf, weil es schwer wäre. Du schiebst es auf, weil es dir noch nicht zuzustehen scheint. Erst soll eine alte Sache geklärt sein, erst soll feststehen, wie es weitergeht. Dann, so stellst du es dir vor, könntest du gelassen sein, großzügig und aufmerksam für das, was gerade vor dir liegt.
Die Bedingungen erneuern sich allerdings. Ist eine Frage beantwortet, wartet schon die nächste, und die Gelassenheit rückt mit ihnen weiter nach hinten. Sie wird zu einer Belohnung, die du dir für einen Zustand aufhebst, den es so vielleicht nie geben wird.
Schwierig ist, dass sich Vergangenes nicht auf Wunsch beruhigt. Ein ungeklärter Streit bleibt ungeklärt. Ihn ruhen zu lassen hieße nicht, ihn für erledigt zu erklären. Du würdest ihn nur nicht mehr zur Voraussetzung dafür machen, wie du heute mit jemandem sprichst.
Vielleicht schreibt dir genau dieser Mensch eine belanglose Nachricht und fragt nach einem Termin. Du könntest knapp antworten, den alten Vorbehalt noch im Ton. Du könntest auch einfach den Termin nennen.