22. April

Der Dieb ging fort — und ließ doch das Schönste zurück: den Mond am Fenster.

Ryokan Tautropfen auf einem Lotosblatt (frei übertragen)

Hörmodus

Der Dieb ging fort — und ließ doch das Schönste zurück: den Mond am Fenster.

Ryokan

Wenn dir etwas genommen wird, zählst du zuerst, was fehlt. Das ist kein Mangel an Gelassenheit, sondern Genauigkeit: Du hattest es, und jetzt hast du es nicht mehr. Wer dir in diesem Moment versichert, das Wichtigste sei dir doch geblieben, tröstet meist eher sich selbst.

Später kann dir trotzdem etwas Merkwürdiges auffallen. Was die Lücke überstanden hat, ist selten das, was du besonders sorgfältig gesichert hattest. Es ist eher das, was dir nie ganz gehörte: ein Lied, das du auswendig kannst, deine Art hinzusehen, die Weise, wie ein Nachmittag langsam in den Abend übergeht. Niemand konnte es mitnehmen, weil du es selbst nie besessen hast.

Diese Entdeckung ist zwiespältig. Sie entlastet, und sie beschämt ein wenig. Du hast viel Aufmerksamkeit auf Dinge verwendet, die sich wegtragen lassen, und vergleichsweise wenig auf das, was ohnehin bleibt, gerade weil es keinen Schutz verlangt.

Daraus folgt nicht, dass Besitz gleichgültig wäre. Mit dem, was dir niemand nehmen kann, zahlst du keine Miete. Aber wenn du das nächste Mal etwas abschließt, weißt du ungefähr, was das Schloss nicht schützen muss.

Anna Atkins, Ulva crispa, A., Cyanotypie
Ulva crispa, A. · Anna Atkins, Cyanotypie, 1843–53 · aus Photographs of British Algae Mehr über Anna Atkins ›
Anna Atkins, Ulva crispa, A., Cyanotypie

Ulva crispa, A. · Anna Atkins, Cyanotypie, 1843–53 · aus Photographs of British Algae