10. März
Nicht ununterbrochene Lust bringt die Ruhe, sondern nüchternes Überlegen, das die Ursachen jeder Wahl erforscht und die falschen Meinungen vertreibt.
Brief an Menoikeus (frei übertragen)
Hörmodus
Nicht ununterbrochene Lust bringt die Ruhe, sondern nüchternes Überlegen, das die Ursachen jeder Wahl erforscht und die falschen Meinungen vertreibt.
Eine Freude braucht keinen Grund. Du kannst dich über einen Geruch im Treppenhaus freuen, ohne zu wissen, woran er dich erinnert, und es wäre seltsam, das erst klären zu wollen.
Bei einer Entscheidung ist das anders. Wenn du etwas wählst, wählst du meist auch eine Erwartung: dass du danach gelassener sein wirst, anerkannter oder endlich fertig mit einer Sache. Solche Erwartungen lassen sich prüfen, und viele halten der Prüfung schlecht stand. Eine neue Stelle soll dann vielleicht weniger interessant sein als den Zweifel beenden, ob du genug erreicht hast. Das kann keine Stelle leisten.
Unangenehm ist daran weniger der Verzicht als die Ernüchterung. Ein Wunsch, dessen Begründung du durchschaut hast, verliert etwas von seinem Glanz, auch wenn du an ihm festhältst. Manchmal wählst du am Ende dasselbe wie vorher, nur ohne die stille Abmachung, dass es dich erlösen soll.
Dann ist die Wahl kleiner, als sie dir vorkam. Wenn später etwas daran misslingt, ist es nur noch ein Misslingen.