6. März
Nüchtern werden, zu sich zurückkommen, aufwachen: erkennen, dass es Träume waren, was dich quälte — und nun im Wachen das Hiesige so ansehen, wie du jene angesehen hast.
Selbstbetrachtungen VI,31 (frei übertragen)
Hörmodus
Nüchtern werden, zu sich zurückkommen, aufwachen: erkennen, dass es Träume waren, was dich quälte — und nun im Wachen das Hiesige so ansehen, wie du jene angesehen hast.
Manchmal findest du eine alte Notiz, in der du dich um etwas sorgst, an das du dich kaum noch erinnerst. Der Ton ist dringlich, ein Satz ist doppelt unterstrichen. Du liest sie mit einer gewissen Milde, fast als hätte jemand anderes sie geschrieben.
Es liegt nahe, diese Milde auf das zu übertragen, was dich heute beschäftigt. Doch sie stammt aus einem Wissen, das du gerade nicht hast. Bei der alten Notiz kennst du den Ausgang. Du weißt, dass die Sache sich erledigt hat, gut oder weniger gut, und dass du danach weitergelebt hast. Die heutige Sorge hat noch kein Ende, von dem aus du auf sie zurückblicken könntest.
Dazu kommt etwas Unbequemeres. Auch die damalige Sorge war nicht eingebildet. Sie war wirklich, sie hat nur mehr Raum beansprucht, als ihr zustand. Kleiner wurde sie nicht, weil sie verschwand, sondern weil anderes neben ihr wieder Platz bekam.
Heute kannst du nicht so tun, als läsest du schon die Notiz von morgen. Aber du kannst bemerken, was gerade neben der Sorge liegt und von ihr verdeckt wird. In der alten Notiz kam davon nichts vor.