5. März
Auch hinter Mauern, in Ketten, bleibt dem Menschen etwas, das kein Wärter erreicht: der eigene Wille, der letzte Winkel, den keine Gewalt betritt.
Aufzeichnungen aus einem Totenhaus (frei übertragen)
Hörmodus
Auch hinter Mauern, in Ketten, bleibt dem Menschen etwas, das kein Wärter erreicht: der eigene Wille, der letzte Winkel, den keine Gewalt betritt.
Manchmal tust du etwas, dem du nicht zustimmst. Vielleicht hältst du eine Regel für unsinnig oder kannst eine Bitte nicht gut ablehnen. Du erfüllst sie und behältst dein Urteil für dich. Niemand verlangt, dass du es aufgibst, und niemand bekommt es zu sehen.
Dieses stille Nein ist nicht wenig. Es unterscheidet Gehorsam von Einverständnis, auch wenn beides von außen gleich aussieht. Solange du weißt, dass du anders denkst, bleibt dir etwas, das sich nicht anordnen lässt.
Mit der Zeit wird es schwieriger. Wenn du einen Vorbehalt nie aussprichst, widerspricht ihm niemand, und niemand bestätigt ihn. Er muss sich nirgends bewähren. Nach einigen Jahren kannst du kaum noch sagen, ob er wach geblieben ist oder ob er nur noch eine Gewohnheit ist, die dir das Mitmachen erträglicher macht. Was keiner erreicht, kann auch keiner für dich prüfen.
Vielleicht merkst du es erst, wenn jemand wissen will, was du eigentlich davon hältst. Dann hörst du zum ersten Mal laut die Antwort, die du so lange bei dir behalten hast.