27. Januar
Leicht und in Menge erreichst du die Schlechtigkeit; eben ist ihr Weg, und sie wohnt ganz nah. Vor die Tugend aber setzten die Götter den Schweiß: lang und steil ist der Pfad — doch wer oben steht, dem wird er leicht.
Werke und Tage (frei übertragen)
Hörmodus
Leicht und in Menge erreichst du die Schlechtigkeit; eben ist ihr Weg, und sie wohnt ganz nah. Vor die Tugend aber setzten die Götter den Schweiß: lang und steil ist der Pfad — doch wer oben steht, dem wird er leicht.
Manche Dinge gelingen dir inzwischen, ohne dass du nachdenken musst. Du sagst jemandem freundlich, dass du anderer Meinung bist, oder lässt eine Kränkung liegen, statt sie zurückzugeben. Früher hat dich das jedes Mal Überwindung gekostet. Heute merkst du kaum noch, dass du dich überhaupt entschieden hast.
Das ist schön, hat aber eine seltsame Folge. Von innen fühlt sich diese Leichtigkeit genauso an wie eine andere: wie das Schweigen, das du dir angewöhnt hast, weil Widerspruch anstrengend war, oder das Nachgeben, das du für Gelassenheit hältst. Beides geschieht ohne Mühe. Beides kommt dir selbstverständlich vor.
Der Unterschied liegt nicht im Augenblick selbst, sondern in dem, was ihm vorausging. Die eine Leichtigkeit ist aus vielen mühsamen Wiederholungen entstanden, die andere daraus, dass du ihnen ausgewichen bist. An die Entstehung erinnerst du dich in beiden Fällen nur ungenau.
Bemerkbar wird der Unterschied vielleicht erst, wenn sich die Lage etwas verschiebt: wenn dein freundlicher Widerspruch plötzlich jemandem gilt, an dem dir viel liegt, oder eine Kränkung tiefer geht als sonst. Dann fällt dir etwas wieder schwer, und du erkennst die alte Anstrengung wieder.