19. Januar
Möge ich sterben im Frühling, unter den blühenden Kirschen, in jener Vollmondnacht des zweiten Monds.
Bergheim-Sammlung (frei übertragen)
Hörmodus
Möge ich sterben im Frühling, unter den blühenden Kirschen, in jener Vollmondnacht des zweiten Monds.
Dürftest du dir dein Ende wünschen, würdest du wohl keinen Tag nennen, sondern eine Jahreszeit oder eine Stunde: ein bestimmtes Licht, eine Wärme, eine Art von Stille. Kaum jemand wünscht sich dafür etwas Fremdes. Der Wunsch greift nach etwas, das du schon kennst und mehrmals erlebt hast.
Was wie eine Verfügung über das Ende klingt, ist eigentlich ein Bekenntnis. Diese Zeit ist dir so vertraut, dass du ihr sogar das Letzte überlassen würdest. Über den Tod sagt der Wunsch wenig. Er verrät eher, wo du dich sicher genug fühlst, um nichts mehr festhalten zu müssen.
Nur kehrt die gewählte Zeit wieder. Jedes Jahr kommt sie, und jedes Jahr gehst du durch sie hindurch und bleibst. Der Wunsch erfüllt sich also fortwährend nicht. Vielleicht wird die Zeit dadurch schwerer, vielleicht leichter. Manchmal schaust du genauer hin als sonst, als wäre sie eine Probe für etwas, dessen Termin niemand kennt.
Dann ist sie vorbei. Den Wunsch nimmst du, ohne es zu bemerken, ins nächste Jahr mit.