13. Januar
Was ist deine Kunst? Gut zu sein.
Selbstbetrachtungen XI,5
Hörmodus
Was ist deine Kunst? Gut zu sein.
Ein Handwerk erlaubt dir, schlecht anzufangen. Die ersten Schalen sind schief, die ersten Nähte reißen, und niemand nimmt dir das übel. Du übst an Material, das den Fehler aushält.
Für Freundlichkeit, Geduld oder Gerechtigkeit gibt es kein solches Material. Jede Übung findet an einem Menschen statt. Das ungeschickte Trösten, die zu spät ausgesprochene Entschuldigung, die gut gemeinte Hilfe, die den anderen bevormundet hat: Das waren keine Probestücke. Jemand hat sie abbekommen.
Dazu kommt eine zweite Merkwürdigkeit. In einem Handwerk zeigt sich Können daran, dass etwas leichter wird. Beim Gutsein bist du dir da weniger sicher. Wenn dir Rücksicht inzwischen mühelos gelingt, kann das Übung sein. Es kann aber auch heißen, dass du nur noch die Gelegenheiten bemerkst, für die du schon eine Antwort bereithältst.
Vielleicht bleibt diese Kunst deshalb eigentümlich unfertig. Die Menschen, an denen du gelernt hast, haben dir manches nachgesehen, oft ohne es zu sagen. Wenn du heute geduldiger bist als früher, steckt darin auch ihre Geduld.