5. Januar
Es steht in deiner Macht, über nichts eine Meinung zu haben und die Seele nicht zu beunruhigen. Denn die Dinge selbst besitzen keine Gewalt, unsere Urteile zu erzwingen.
Selbstbetrachtungen VI,52
Hörmodus
Es steht in deiner Macht, über nichts eine Meinung zu haben und die Seele nicht zu beunruhigen. Denn die Dinge selbst besitzen keine Gewalt, unsere Urteile zu erzwingen.
Jemand nennt dich beiläufig „eigenwillig“ und spricht dann von etwas anderem. Das Wort bleibt hängen. Es könnte Anerkennung gewesen sein, ein leiser Vorwurf oder bloß eine Beschreibung. Am Tonfall ließ es sich nicht sicher erkennen.
Bemerkenswert ist, wie schnell du dich trotzdem festlegst. Die Deutung ist oft schon da, bevor du dich überhaupt gefragt hast, welche es sein soll. Häufig fällt sie ungünstiger aus, als der Anlass verlangt. Eine unangenehme Gewissheit scheint leichter auszuhalten als ein Wort, das offen in der Luft hängt.
Dabei verrät diese schnelle Wahl wenig über den Satz und einiges darüber, worauf du gefasst warst. Das Wort hat dir keine Bedeutung vorgeschrieben. Es hat nur eine Stelle berührt, an der schon ein Urteil bereitlag.
Unentschieden zu bleiben, ist allerdings kein bequemer Zustand. Zunächst fühlt es sich weniger nach Ruhe an als nach Ungeschütztheit, weil dir keine Antwort zur Verfügung steht, mit der du dich einrichten könntest. Vielleicht fragst du später nach, was gemeint war. Vielleicht auch nicht, und es bleibt eines der Wörter, die du nie ganz übersetzt hast.